Post um Post
Pinnen wir Momente an eine unsichtbare Wand,
Zerlegen wir unser Leben in bunte Bilder,
Rahmen sie mit Textschnipseln,
Die wir aus dem Netz gehauen haben,
Steinerne Alliterationen, bleierne Assonanzen –
Cat content, summer sky, beautiful Berlin.

Dann geben wir unsere Bilder frei, lassen sie los:
Sie gleiten den stream of conciousness des Social Web hinunter,
Unbemerkt, unbesehen –
Nicht selten –
Wie welkes Herbstlaub auf einem Wasserfilm.

Diese Ecke der Welt,
In die wir uns so gerne verkriechen,
Um laut aus ihr hinauszuschreien,
Dieses summende Versteck,
Riesengrosser Resonanzraum,
Sirrend, flirrend,
Spinnt Seidenfäden um uns,
Webt uns ein in eine virtuelle Wohnung,
Aus der wir Grüsse an die anderen schicken.

Wir setzen unser Honigmelonen-Lachen auf,
Die Sonnenbrillen und posieren vor satten Kulissen:
Blauweisser Horizont, Lichtermeer, Menschenpuls.
Wir verorten und vergewissern uns,
Dass wir leben.

Zwischen uns und dem Rest
Spannt sich eine Nabelschnur,
Like für Like
Werden wir beatmet,
Unser Brustkorb hebt uns senkt sich
Im Rhythmus der digitalen Lunge.

Wir verschenken Herzen,
Nicht unsere, sondern viele,
Unbedacht, leichtfertig,
So will es das Spiel,
Do ut des,
Ich gebe, damit du mir gebest.

Wir folgen und entfolgen uns,
Verfolgen und befolgen,
Was andere uns mitteilen und, wir wissen es nicht,
Vorgeben –
Ein Pixeltheater,
Bei dem das Publikum selbst auf der Bühne steht.

Flüchtig nur kennen wir uns,
Ehe wir uns umdrehen,
Weiter wischen,
Links nein, rechts ja,
Ich will dich weiter sehen und lesen.
Vielleicht schaffen wir den Sprung
Ins echte Leben?

Hinter uns verfliesst die Szenerie,
Wir knipsen unsere Leben ab,
Bis sie nichts mehr zu bieten haben.

Wo sind die glücklichen Gesichter –
Hashtag smileforever –
Fragen wir uns,
Wenn wir uns im kalten Abendhauch begegnen.

Aber dann schliessen wir einfach die Augen
Und schauen uns die Bilder,
Die sich in unsere Netzhaut eingebrannt haben,
Noch einmal von vorne an.