Was ist Glück?

Den Wind im Haar zu spüren, Sonne auf der Haut?
Nah an dir zu sein,
In den Himmel zu blinzeln?
Auf der Decke im Park zu liegen
Und den Verkehr weit weg zu hören?

Das klingt rosa, beliebig.
Aber vielleicht ist Glück ja – beliebig.
Nicht das Gefühl, aber das, was es macht.
Immer die gleichen Botenstoffe, immer die gleichen Rezeptoren.
Eine chemische Formel, ein fester Bauplan
Wie ein Ikea-Möbel
Hat Glück auf einem ausfaltbaren Stück Papier Platz.
Hier eine Schraube, da ein Gewinde,
So wird aus Glück ein Möbelstück,
Das sich mir ins Leben stellt.

Nur kaufen kann ichs nicht.

Wann ist Glück?

Wenn ich sehe, höre, rieche, schmecke, fühle?
Nur den Schmerz nicht?
Wenn ich im richtigen Körper geboren bin?
Eins mit mir, aber auch zu zweit
Mit dir
Die Welt erleben kann,
Süss und sauer wie meine Lieblingssosse
Mit den grünen, manchmal gelben Pigmenten drin,
Die kleinen Inseln gleich auf einem roten Ozean schwimmen.

Vielleicht ist Glück, den Bauch einer Katze zu kraulen.
Vielleicht ist Glück, Ayahuasca zu trinken.
Vielleicht ist Glück, Melania Trump zu befreien.

Vielleicht ist Glück auch ganz anders.
Nämlich auf dem Mount Everest Salsa zu tanzen.
Oder mit Senta Berger Taxi zu fahren.
Oder wenn die Pizza keinen Rand und der Spargel einzig Spitzen hat.

Vielleicht ist Glück unerreichbar
Zu sein
Wie im Traum,
Wo ich noch nie am Computer sass,
Dafür unter Wasser Verstecken spielte
Und auf einem riesengrossen Trampolin
In den Himmel sprang,
Nach den Wolken griff
Und mich wunderte, dass ich niemals landete.

Vielleicht ist Glück anzukommen, da zu sein,
Die Ziellinie zu überschreiten,
Überhaupt ein Ziel zu haben,
Nach dem man sich strecken kann,
Um es zu verwerfen und eine neue Idee zu haben.

Glück. Fünf Buchstaben
Glück.
Durcheinander, ohne Umlaut und falsch geschrieben
Ohne C wird aus Glück eine Kugel
Rund und satt und schön
Rollt es auf mich zu,
Um weiterzuziehen.
Glück – so scheint es – gibt es immer gleich viel.
Manchmal wird es wieder woanders gebraucht.

Dann verflüchtigt es sich
Und hinterlässt ein komisches Gefühl in der Magengrube,
Das nach oben drückt und nach unten zieht.
Würde man es zulassen, man würde zerrissen
In hundert, vielleicht tausend Stücke,
Die irgendwann im Meer landen
Und an den Korallen festwachsen,
Diesen knorrigen bunten Fingern,
Die Wurzeln geschlagen haben und
Dennoch mit dem Strom gehen.

Blumentiere.

Ist glücklich, wer ein Blumentier ist?
Weder so noch so,
Aber mit sicherem Stand?
Und wenn sie zerspringen,
Driften, treiben
Bald hin, bald her,
Bis sie wieder hängenbleiben,
So haben sie nie aufgehört zu sein.

Dann, wenn die Farben zurückkommen,
Ist auch das Glück wieder da.

Weshalb es ging, weshalb es kam,
Weshalb es blieb.
Man merkt es, ja.

Live, Gewürzmühle Zug, 29. Juni 2019