Riss, unbestimmt

Kategorien Spoken Word

Wenn zwei beieinander liegen
Und jeder für sich
Still,
Doch laut ins Kissen weint
Und die Traurigkeit
Sie so weit auseinandertreibt,
Dass sie sich noch sehen,
Nur nicht mehr berühren können,
Dann teilt sich die Welt in Hälften,
Schollen gleich,
Auf denen schwarze Früchte wachsen,
Die leer am Gaumen kleben.

Aufgeplatzt wie trockene Winterhaut
Ist der Boden
In tausend kleine Inseln zersprungen.
Wer sich traut, der springt
So weit er kann
Bloss weg vom Horizont,
Der die Erde und den Himmel trennt.

Warum eigentlich –
Falle oder fliege ich –
Nach unten oder oben?

Wo sind die Engel, wenn man sie braucht?
Bestimmt nicht da,
Wo Durstige Wasser suchen,
Hungrige an alten Knochen nagen
Und Dämonen mich mit grauen Augen verfolgen.

Bestimmt nicht da,
Wo die Angst sitzt.

So taumeln wir
Am Abgrund und retten uns
Wie ein Seiltänzer,
Der einen Pakt mit der Schwerkraft geschlossen hat.
Unter uns die Welt,
Heiter und schlecht –
Über uns die Wolken,
Die auf unseren Köpfen sitzen wie dicke Kronen.

Das Seil zertrennt die Luft,
Ein Riss,
Auf dem sich gehen lässt –
Nicht leicht, aber immerhin
Vorwärts
Bis zum anderen Ende,
Wo die Sonne auf mich wartet.

Vor meinen Augen touchieren sich Himmel und Hölle,
Das Meer, blaues Funkeln von weit her,
Die Berge – schroffe Erdenzähne, in viele Richtungen gewachsen.
Dann verschwimmt der Horizont.

Falle oder fliege ich –
Nach unten oder oben?

Wolken ziehen an mir vorbei,
Schleier wie Schleusen,
Formen wie Farben.

So ist es immer.