Der Schriftsteller Jean Paul meinte einst:

«Zu Hause sein.
Wie sich der ganze Wirrwarr der Gefühle verlieret und ordnet,
Wenn man aus dem Fremden heimkehrt in seine eigenen vier Wände!
Nur zu Hause ist der Mensch ganz.»

Jean Paul war bekannt für seinen Überschwang,
Trotzdem trifft er einen Nerv:
Das Daheim und Zuhause wurzelt fest in unseren Seelen.
Überall, universal.

Während es in den germanischen Sprachen das «Heim» ist,
Wohin ich, zumeist, zurückkehre –
Heimkommen, coming home, kom hjem –
Ist es in den romanischen Sprachen das «Haus»:
Tornare a casa, rentrer à la maison, volver a casa.

Beide – Heim und Haus – sind abgeschlossen, vertraut, geradezu intim –
Das Heim, wo ich verbleibe,
Das Haus, das mich schützt –
Ein klar umrissener Ort, ein Flucht-Punkt,
Der uns anzieht und an-kommen lässt,
Zu dem Zutritt nur hat,
Wer dazugehört oder eingeladen ist.

Ansonsten sprechen wir von «ein-dringen», «ein-fallen», «ein-brechen» –
Die Grundwörter aktiv bis aggressiv,
Gegen die es das Heim oder Haus zu verteidigen gilt.

Was aber ist es, was wir verteidigen?
Es muss etwas Kostbares, auch Ersehntes sein:
Geborgenheit. Sicherheit. Freiheit.
Vielleicht auch etwas, das wir gelernt haben und uns deshalb so teuer ist:
Rollen, Rituale, Muster.

Denken wir grösser, so wird das Heim zur «Heimat» –
Ein Begriff, der seit den düsteren 30er und 40er Jahren eine Renaissance erlebt.

Das ist einmal – ganz ok.
In Zeiten der digitalen Ent-Grenzung
Lässt uns das zeitlich und räumlich Definierte die Balance wahren.
Das Heimische hilft uns, im Strom der Daten innezuhalten,
Es hilft uns, dieser atomisierten, un-fassbaren Wirklichkeit, auf Zeit, zu ent-kommen.

«Homing», das Daheimbleiben, durchdringt unseren Lebenswandel:
Kino, Konzert, Dinner – Flirten, Einkaufen, Klavier- und Sprachunterricht
Finden heute zu Hause statt.
Ironisch genug dank Digitalisierung.

Und «Home made» steht hoch im Kurs –
Einen Moment lang analoges Durchatmen,
im Hochbeet oder hinter den Stricknadeln.

Alles gut also?

Nein.

Unser Heim und Haus, unsere Heimat hat auch eine dunkle Seite,
Einen finsteren Doppelgänger,
Der das ersehnte Heim in eine Dystopie umschlagen lässt.

Diese Schauergeschichte liest sich zunächst harmlos:
Die Hand auf dem Herzen, korrekt die Haltung, hymnisch der Ton –
Etwas Folklore hat noch nie geschadet.

Bis zur Volkstümelei sind es aber nur wenige Schritte,
Man redet von Werten und Abendland,
Trägt Hunde auf der Krawatte und schrecklich assonante Namen –
Gau- wird zu Heimat-Land.

Im Visier der Jäger, Opportunisten und lernwilligen Claqueure:
Diejenigen, die nicht daheim, sondern auf dem Weg sind.
Zu uns.
Die, die ein-dringen, ein-fallen, ein-brechen –
Aktiv bis aggressiv,
Gegen die es Heim und Haus zu verteidigen gilt.

Ist es aber nicht vielmehr so,
Dass sie nicht kommen, sondern gehen?
Unfreiwillig, getrieben?
Nicht alle, ja, aber viele.

Der Dichter T.S. Eliot hat geschrieben:
«Home is where one starts from.»
Heimat ist, wovon wir ausgehen.

Wo sie wohnen,
Die, die ausgezogen sind,
Wenn sie am Rande
Ihrer physischen und moralischen Existenz sind?

Wo sie wohnen,
Wenn sie endlich angelangt,
Aber nicht willkommen sind?

Wo sie wohnen,
Wenn sie
Ausgeschlossen,
Beschimpft,
Angepöbelt,
Verhöhnt,
Verleumdet,
Verhetzt,
Verfolgt,
Vertrieben werden?

Wo sie wohnen,
Wenn sie aus ihrer Ohnmacht
Zurückschlagen?

Vielleicht in ihren Erinnerungen.
Vielleicht in ihren Erzählungen und Liedern.
Vielleicht auch nurmehr in ihrer Sprache.

Damit lässt sich erahnen,
Was Heimat ist:
Das, wovon wir ausgehen
Und was wir mit-nehmen –
Aber auch mit-bringen.

Betrifft das nicht uns alle?
Egal, ob wir wie Jean Paul nach Hause kommen
Oder wie 70 Millionen Menschen weltweit
Gehen. Müssen.

Heimat ist fluid.
Heimat ist vieles.
Heimat ist gemeinsam.
Und Heimat ist für alle.

Oder in den Worten der Publizistin Carolin Emcke:
«Jede Heimat ist immer schon hybrid und dynamisch,
Sie verändert sich in jeder Geschichte,
Die über sie erzählt wird.»

So geht Heimat.

Und deswegen:

Wenn alle Eiferer und Scharfmacher zu Hause blieben,
So wäre die Welt etwas mehr
Heimat.