Abendspaziergang

Kategorien Prosa

Ich habe keinen Hund. Trotzdem gehe ich jeden Abend auf die Strasse. Mit mir. Ich laufe die langen Häuserzeilen ab. Schaue auf die immerschattigen Balkone, die keinen Schutz vor fremden Einblicken bieten. Vielleicht deswegen stülpen einige ihren ganzen Hausrat nach aussen.

Ein verblasstes Windrad dreht nervös. Daneben eine Polstergruppe mit Stockflecken. Ein Plastikrabe versucht Vögel abzuwehren, um ihn herum verdorrte Zierpflanzen. Die Brüstung ist dennoch verdreckt. Irgendwo flattert eine Plastikplane. Ein Behelf – wie so vieles hier.

Manchmal reicht es nicht einmal mehr für eilige Reparaturen. Ich komme an einem Mülleimer vorbei, der Boden hängt nach unten. Die Leute schmeissen ihren Müll trotzdem rein. Was im Behälter nicht kleben bleibt, türmt sich nun darunter. Man müsste den Unrat gar nicht mehr oben einwerfen. Unser Anstand will es anders.

Ein Windstoss fährt über den Gehsteig und lässt Staub sich zu kleinen Wirbeln aufbauen. Vor mir liegt ein abgeschnittener Pferdeschwanz. Die Haarnadeln stecken noch. Er ist zu schwer, um vom Wind fortgetragen zu werden, und zuckt nur. Eine Zeitung fegt über die Strasse. Sie hat etwas von einer Roche, wie sie dünn und bodennah über den Grund fliegt. Von einem der endlosen Dächer singt eine Amsel gegen die Autos und die Strassenbahn an.

Ich biege in eine Nebenstrasse ein, die gesäumt ist von schweren Bäumen. Jetzt, im Frühling, sind sie kaugummigrün. Einzig im Wind klimpern die Blätter silbern. Irgendein Café hat sich an die Ecke gepflanzt. Die Tische und die Stühle passen nicht zueinander. Trotzdem ist kein Platz mehr frei. Neugierige Blicke hinter Brillengläsern, die fast das ganze Gesicht bedecken, verfolgen mich. Ein Mann telefoniert, nur einen abgeschnittenen Kopfhörer im Ohr. In seinem Kaffee schwimmt eine Fliege, was er nicht zu bemerken scheint. Hastig stösst er seine Wörter in die Abendluft.

Anders als sonst steige ich zur Metrostation hinab. Der Orkus der Stadt, denke ich. Mir schlägt der metallene Geruch der Geleise entgegen. Die klaren Formen und Linien – die Treppen, Schienen, Fugen – setzen sich vor meinen Augen kubisch zusammen. Man könnte die Metrostation auf den Kopf stellen, es wäre nicht falsch.

Die U-Bahn prasselt in die Station. Die Türen schnappen auf. Um diese Uhrzeit sind wenige Menschen unterwegs. Ich stelle mich in den Türbereich. Im letzten Moment schiebt sich ein Rollstuhlfahrer in den Wagen. Manche trifft es nicht nur einmal, geht es mir durch den Kopf. Auch er hat seinen Hausrat nach aussen gestülpt. Nur kann er nicht anders. Sein ganzes Leben hängt an dem Rollstuhl, in mehrere zerknitterte Plastiktüten aufgeteilt.

Der Mann interessiert sich nicht für mich und drückt sich ungelenk an mir vorbei. Er atmet nur kurz ein, bevor er heiser um ein paar Euro bittet. Seine Augen suchen die Blicke der anderen. Ich bin als nächste an der Reihe. Ein paar Euro für die Notunterkunft, Kippen und was zu trinken. Ich zögere. Die U-Bahn hält. Und der Mann rollt ungebremst nach hinten und aus meinem Leben hinaus.

Ich lasse mich an der übernächsten Haltestelle ausspucken, steige aus dem orangeroten Untergrund in den Abend hinauf. Die Sterne schimmern durch die graue Himmeldecke. Der Wind bewegt den Dreck und alles, was am Boden liegt, immer noch. Die Dinge heben und senken sich. Sie sind der Atem der Stadt.

Mein Weg führt an einer Kaffeebar vorbei. Eines dieser Lokale, wo man verweilt und deren Namen man sich dennoch nicht merken kann. Ich bleibe stehen, angezogen von der Wirrheit der Bar. Wo sie anfängt, wo sie aufhört: unklar. Sie franst zur Strasse hin aus. Die Bäume vor dem Café gehören ganz selbstverständlich dazu. Eine Strassenlampe hüllt die Szenerie in gelbes Licht. Wie auf einer kleinen Bühne sitzen sich die Gäste gegenüber. Und sagen sich die Dinge, die sie gerade für richtig halten.

Ich setze mich neben ein Paar an einen Holztisch, der wackelt, sobald man ihn berührt. Irgendein belangloses englisches Gespräch über ihre Projekte. In dieser Stadt haben alle Projekte. Im Minimum Leads. Im besten Fall Successes. Ab und zu lacht die Frau unsicher auf. Sie hat einen holländischen Akzent und sagt, sie vermisse Kroketten und Käse.

Der Tisch hat eine kleine Schublade. Meine Oma hatte auch einen Tisch mit Schublade. Er stand in ihrer Küche, die gelb und rot möbliert war. Ich erinnere mich nicht, was in der Schublade meiner Oma drin war. Vielleicht hatte ich gar nie nachgeschaut. Vielleicht öffne ich deswegen die Schublade des Holztischs.

In der Schublade liegt ein Papier. Jemand hat darauf mit grünem Leuchtstift ein Männergesicht mit Bart gezeichnet. Und dazugeschrieben: We might have a similar situation with the wasps.

Wir haben vielleicht eine ähnliche Situation mit den Wespen. Behutsam lege ich das Männergesicht zurück in die Schublade, der Tisch wackelt leicht. Ich weiss, dass ich es nicht verstehen muss. Wie könnte ich, denke ich, und schaue auf eine Klobrille, die auf der anderen Strassenseite unter einem Baum liegt.

Ich stehe auf, das Paar blickt verwundert hoch. Es hat mich nicht kommen sehen und sieht mich jetzt gehen. Nur unweit der Kaffeebar steht ein Bürostuhl auf dem Gehsteig. Der Bezug ist nicht einmal zerschlissen. Gut möglich, dass der Stuhl morgen immer noch da ist. Würde ihm nicht eine Rolle fehlen, ich würde mich draufsetzen und damit nach Hause fahren.